In letzter Zeit ist das Thema Rassismus und die damit einhergehende Gegenbewegung in den Vordergrund gerückt.
Ich war mir eigentlich sicher, dass ich mich zu dem Thema nicht äußern werde. Die Gründe dafür werde ich später nennen. Aber nachdem ich einige Videos und Beiträge zu dem Thema gesehen bzw gelesen habe, hier nun ein Blogpost zu dem Thema

Bevor ich zum Thema komme, erzähle ich von einer Situation, die mir am meisten durch die Reaktionen meiner Mitmenschen im Kopf geblieben ist.

Ich habe im Einzelhandel gearbeitet und Anfang des Jahres saß ich mal wieder an einer Kasse. Im Laden und auch an der Kasse war es gerade sehr ruhig, da es noch recht früh am Morgen war. Da es noch so früh war, war meine Stimme noch nicht ganz da und ich musste mich gelegentlich räuspern. An meiner Kasse stand eine Dame, die ich gerade abkassierte und hinter ihr ein etwas älterer Mann. Ich bemerkte, dass dieser Mann mich die ganze Zeit anstarrte, aber ich dachte mir nichts dabei. Bevor ich der Dame gesagt habe, wieviel sie zahlen muss, räusperte ich. Der Mann starrte mich weiterhin an. Ich verabschiedete die Dame und begrüßte danach den Herren. Nachdem ich mich nochmal räusperte, bemerkte ich, dass der Mann etwas sagen wollte. Ich schaute ihn also freundlich an und nachdem ich eine höfliche Frage erwartet hatte, fiel ich dementsprechend aus allen Wolken, als der Mann arrogant, abwertend und unfreundlich folgende Sätze aussprach: „Tja, wären Sie in Ihrer Heimat geblieben, hätten Sie sich nicht erkältet.“. Für eine Sekunde entgleiste mein Gesicht vermutlich komplett, aber ich entgegnete, ohne groß drüber nachzudenken: „Was meinen Sie denn mit „meiner Heimat“? Lübbecke?“. Er sah mich nur missbilligend an und murmelte noch etwas mit gesenktem Kopf. Ich fragte ihn höflich, was er denn gesagt hätte, aber er ignorierte mich von dort an. Ich sagte ihm noch besonders höflich, wie viel er zahlen müsste und nachdem ich ihm sein Rückgeld gab, wünschte ich ihm einen schönen Tag. Eine andere Kundin, die mittlerweile hinter ihm stand, sah mich nur bemitleidend an und schüttelte den Kopf, als wolle sie sagen, dass sie diese Situation auch nicht in Ordnung fand. Nachdem ich meinen Kollegen gefragt hatte, ob er mich ablösen kann und dies dann auch getan hatte, ging ich erstmal nach hinten, um eine zu rauchen und den Schock kurz zu verarbeiten.

Natürlich war das nicht das erste Mal, dass ich mir einen rassistischen Spruch anhören musste und die Tatsache, dass ich das Wort „natürlich“ nutze ist schonmal das erste Problem. Aber es war schon sehr lange her, dass ich in aller Öffentlichkeit so direkt mit dem Thema konfrontiert wurde.

Ich erzählte diese Geschichte einigen Menschen und alle hatten sich über diesen Mann aufgeregt und einige fragten mich auch, wie ich es geschafft habe, so ruhig zu bleiben und wie es sein kann, dass mir nichts Schlimmeres rausgerutscht sei, sie hätten nicht so ruhig bleiben können.

Naja, erstmal war ich total überrumpelt von der Situation, aber war zum Glück nicht lange sprachlos. Zweitens: Das war nicht das erste Mal, dass ich Rassismus erlebt hatte. Ich kann mich dran erinnern, dass ich in der Grundschule teilweise eloquente Beleidigungen wie: „Scheiss Türkin!“, an den Kopf geworfen bekommen habe und für meine „Herkunft“ gehänselt wurde. Ich setze das Wort in Anführungszeichen, weil ich in Deutschland sowohl geboren, als auch aufgewachsen bin.

Früher habe ich oft wegen solchen Sätzen geweint, da ich für meine Familie, die in der Türkei lebt, eine „Deutsche“ , aber für die Menschen hier eine „Türkin“ bin. Ich habe mich nirgendwo zu Hause gefühlt. Diese Heimatlosigkeit hat sich so weitere Jahre durch mein Leben gezogen und mittlerweile ist „Heimat“ für mich etwas Anderes als die Nationalität, Religion, Herkunft der Eltern etc.

Zurück zu der eben beschriebenen Situation, über die ich viel nachgedacht habe. Natürlich habe ich mich über diesen Herren im Nachhinein aufgeregt, aber hatte auch immer etwas Verständnis für ihn. Auf Rassismus reagiere ich schon lange nicht mehr so überemotional, da es einfach nichts Neues mehr ist. Natürlich haben es andere schwerer und haben mit Sicherheit schlimmere Situationen erlebt, aber da dies mein Blog ist und ich hier von meinen Erfahrungen berichte,  macht das meine Worte nicht weniger wertlos.
Wieso versuche ich für rassistische Menschen Verständnis aufzubringen? Ich denke, dass jede Angst einen Ursprung hat und solange man anderen Lebewesen keinen Schaden zufügt, kann man denken, was man will. Man sollte seinen Ängsten auf den Grund gehen und versuchen, sie zu lösen und man sollte auch ständig sich und seine Denkweisen hinterfragen und stetig Selbstreflexion betreiben, aber niemand ist und sollte auch nicht perfekt sein. Jeder hat Ängste, die für andere unverständlich sind, da sie nicht in der gleichen Haut stecken. Deswegen kann ich diese extreme Aufregung über die momentane rechte Bewegung zum Teil nicht verstehen. Dies ist allerdings nochmal ein eigenes Thema für sich.

Ja, der Herr war sehr unhöflich und unfreundlich. Erstens war seine Bemerkung völlig ungefragt und basierte auf keinerlei Fakten und war keineswegs konstruktiv und zweitens hat er mich weder begrüßt noch verabschiedet oder mir einen schönen Tag gewünscht. Aber ich bin und war nicht wütend auf seinen Rassismus. Ich weiß nicht, was er erlebt, gedacht oder sich zusammengereimt hat, dass er so auf mich reagiert hat.

Natürlich denke ich auch, dass er ein Arschloch ist. Wieso hat er der Mann nicht „Hallo“, „Bitte“ oder „Danke“ gesagt? Wieso hat er mir keinen schönen Tag gewünscht, man ?! Wieso sagt er sowas?! In Lübbecke ist es auch kalt ! Wenn es hier wärmer als in Bünde wäre, würde ich auf jeden Fall in meiner Heimat bleiben! Check mal deine Wetter-App !

Falls ihr das nächste Mal mit einem Menschen redet, seid nett, respektvoll und höflich. Wenn man euch nicht nach eurer Meinung fragt oder ihr nichts Nettes zu sagen habt, dann sagt einfach nichts und genießt die Ruhe 🙂
Was mir hilft, böse Gedanken loszuwerden, ist mich zu fragen, wieso ich gerade das denke, was ich denke. Liegt es an einer schlechten Erfahrung? An Ängsten, die mich zu diesem Gedanken bringen? Versucht, das zu hinterfragen und eine Antwort zu finden.
Man muss nicht(!) zu allem eine Meinung haben. Erst Recht nicht zu Dingen, die einem selbst und anderen Lebewesen nicht schaden. Niemand hat einen Einfluss auf seine Herkunft, auf sein Aussehen oder auf seine Familie.
Also warum andere Menschen für diese Dinge hassen oder niedermachen ?
Wir haben einfach nur Glück mit unserer Herkunft gehabt. Nur Glück. Mehr nicht. Wir haben nichts dafür getan, in einem privilegierten Land geboren zu sein.

Be kind and spread love <3